Bauschutt: Müll oder Wertstoff?

Im Rahmen einer Kleinen Anfrage hat die FDP-Bezirksfraktion Wandsbek erkundet, inwieweit die Verwaltung bereits über Kenntnisse zur Wiederverwertbarkeit von Bauschutt verfügt und ob entsprechende Verfahren bereits bei Baumaßnahmen des Bezirks berücksichtigt werden (Drucksache 21-3541).

 

Die Antwort macht deutlich: „Es gibt im Bezirksamt Wandsbek und nicht zuletzt im Bereich Klimaschutzmanagement klar Optimierungsbedarf“, sagt Birgit Wolff, Wandsbeker FDP-Fraktionsvorsitzende. Für diesen Aspekt des nachhaltigen Bauens gibt es einen Fachbegriff; Gert Wöllmann, Vertreter der Fraktion im Ausschuss Umwelt, Klima und Verbraucherschutz erklärt das Konzept: „Das Prinzip ‚Cradle-to-Cradle‘, kurz C-2-C, bedeutet übersetzt ‚von der Wiege zur Wiege‘ und ist eine Methode des Materialkreislaufs. Ziel ist es hierbei, Abfälle, die nach Beendigung der Nutzungsdauer von Produkten (hier Gebäuden) entstehen, wiederzuverwerten und dem Materialkreislauf wieder zuzuführen.“ Im Bereich der Bauwirtschaft steht hier der Gedanke im Vordergrund, Bauschutt nicht als Müll, sondern überwiegend als Wertstoff zu betrachten, der – recycelt – wieder eingesetzt werden kann. „Idealerweise wird C-2-C schon beim Bau der Gebäude berücksichtigt, so dass beim Abriss die Materialien leichter zu trennen und wiederzuverwerten sind“, ergänzt Gert Wöllmann, denn „nachhaltiges Bauen hat einen erheblichen Einfluss auf den Klimaschutz und die Schonung unserer Ressourcen. Zement ist für 8 % und Stahl für 6-8 % der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Der Energieeinsatz beim Bau von Gebäuden ist über den Lebenszyklus ähnlich hoch wie der Anteil der Energie zum Betrieb des Gebäudes. Zudem werden Sand und Kies zu knappen Ressourcen. Schließlich fallen beim Abriss Unmengen von Bauschutt an, welcher die Hälfte unseres gesamten Müllaufkommens darstellt.“

In einer Zeit, in der der Einkauf neuer Baumaterialien immer schwieriger und damit auch kostenintensiver wird, kommt einem Verfahren wie C-2-C, das seinerseits Kosten verursacht, eine neue Bedeutung zu: „Es ist nicht nur ökologisch ein Verfahren, das Sinn ergibt, sondern mit Blick auf die Zukunft auch ökonomisch fast unumgänglich“, sagt Birgit Wolff. „Derzeit gebe es noch eher wenig Recycling-Anbieter, die sich auch mit der Wiederverwertung von Bauschutt auskennen. Hier zeichne sich aber ein Bedarf ab, der in Zukunft unbedingt zu Lösungen führen muss.“ Auch auf C-2-C spezialisierte Baustoffanbieter hätten sich – mangels Nachfrage – noch nicht ausreichend im Norden etabliert.

Situation im Bezirk Wandsbek

Was das Bezirksamt Wandsbek derzeit im Hinblick auf die Umsetzung von Klimaplan und Klimaschutzgesetz in der Planung von eigenen Bauprojekten berücksichtigt – laut Auskunft des Amtes z.B. ein Effizienzhaus 40 – sieht Gert Wöllmann als ausbaufähig an: „Das Effizienzhaus 40 (früher KfW-Effizienzhaus 40 oder KfW-40-Haus) umfasst lediglich einen besonders energiesparenden Bau- und Sanierungsstandard, allerdings ohne jegliche C-2-C Anforderungen.“ Nicht ganz klar ist auch, inwieweit das neue bezirkliche Klimaschutzmanagement bei Neubauvorhaben des Bezirkes einbezogen wird – laut Auskunft auf die Kleine Anfrage der FDP-Bezirksfraktion hieß es, das Team werde „informiert“. Über Kenntnisse bezüglich des C-2-C-Konzeptes verfüge das „bisherige“ Klima-Team nicht, das aber ab August durch eine entsprechend erfahrene Mitarbeiterin ergänzt werde. „Das finden wir sehr erfreulich“, so Birgit Wolff, „zumal das Wandsbeker Bezirksamt bei eigenen Baumaßnahmen zumindest schon für diesen Recycling-Aspekt sensibilisiert ist – auskunftsgemäß werde mit nachhaltigen, recycelbaren Dämmstoffen gearbeitet.“ Allerdings sei dies in diesem Bereich inzwischen auch schon fast Standard. Private Bauträger müssten zumindest derzeit nicht mit entsprechenden Verordnungen rechnen, ihrerseits entstehenden Bauschutt durch Abtragung eines Bestandsgebäudes zum Recyceln zu bringen und für das neue Gebäude mit einzuplanen.

Wie eine parallele Anfrage in fast allen Bezirksämtern Hamburgs durch die jeweiligen FDP-Bezirksfraktionen ergab, sind die Bezirke hinsichtlich des C-2-C-Verfahrens sehr unterschiedlich aufgestellt. Während Altona hier schon einige Schritte vorgelegt hat, ist aus anderen Bezirken noch starke Zurückhaltung zu spüren: Aus Bergedorf beispielsweise wurde geantwortet, dass das Verfahren derzeit noch sehr teuer und für Investoren nicht attraktiv sei. „Wir freuen uns über die Rückmeldungen, die wir erhalten haben“, sagt Birgit Wolff, „nicht nur wegen der aktuellen Auskünfte, sondern auch, weil, wie wir hörten, das Thema der Bauschutt-Kreislaufwirtschaft in manchem Amt etwas weiter nach oben auf die Agenda gelegt worden ist.“ Das sei ein gutes Signal, von dem zu hoffen sei, dass es vom Schreibtisch auch in die Umsetzung gelangt und auch die Bevölkerung einen neuen Blick auf Bauschutt erhalte, wie er bereits bei Kleidung, Bioabfall und Haushaltsgegenständen normal geworden sei: „Bauschutt ist Wertstoff – den müssen wir nutzen!“

Pressemitteilung FDP-Fraktion Wandsbek

Die WUZ meint: Das Prinzip Cradle to Cradle wurde Ende der 1990er-Jahre von dem deutschen Chemiker Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William McDonough entworfen. Der Begriff ist auch Titel des 2002 erschienenen Buchs Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things von McDonough und Braungart: Darin entwerfen Braungart und McDonough im Kontrast zu „Ökobilanz“ (die den Stoffkreislauf und dessen Umweltwirkungen „von der Wiege bis zur Bahre“ analysieren) und „Ökoeffizienz“ auch den Begriff „Ökoeffektivität“.

Die WUZ hat ein anderes Buch der Autoren in der WUZ 65 (Februar 2012) rezensiert (/buchtipps/): Michael Braungart, William McDonough (Hg.): Die nächste industrielle Revolution. Die Cradle to Cradle-Community, EVA 2011, 245 Seiten, 25 Euro

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