Bahnausbau: Warum das Tunneltal ein Schutzs
ignal braucht
Im Rahmen der diesjährigen Volksdorfer Kulturmeile sprach der Hamburger Evolutionsbiologe, Autor und Wissenschaftler Prof. Matthias Glaubrecht deutliche Worte: Auf Einladung des Bürgervereins und des Kulturkreises Walddörfer referierte er über die Dramatik der weltweiten Biodiversitätskrise und betonte die Bedeutung des lokalen Naturschutzes.
Spätestens seit der UN-Biodiversitätskonferenz im Dezember 2022 in Montreal hat auch die Politik erkannt, dass das Artensterben ein größeres Problem darstellt als der Klimawandel; trotzdem werde ihm bisher weit weniger Beachtung geschenkt, kritisiert Prof. Matthias Glaubrecht, wissenschaftlicher Projektleiter des künftigen Hamburger Naturkundemuseums „Evolutioneum“. „Seit Langem schon führen wir regelrecht Krieg gegen die Natur. Was wir uns zu selten klarmachen: Hinter dem Wachstum der Wirtschaft, hinter Wohlstand und Wohlergehen von immer mehr Menschen weltweit, so begrüßenswert beides ist, lauert der Niedergang der Natur. Wir stehen daher vor einem naturhistorisch einschneidenden Massenaussterben der Tier- und Pflanzenwelt – einer biologischen Zeitenwende.“
Durch Bevölkerungswachstum, Ressourcenverbrauch und intensive Landnutzung würden wir Lebensräume zerstören, noch bevor wir deren Bedeutung vollständig verstehen. Dadurch komme es nicht nur zum Verschwinden einzelner Tiere oder Pflanzen, sondern zum Zusammenbruch ganzer Ökosysteme; doch gerade diese seien die Lebensversicherung des Menschen, betont Glaubrecht. „Wir brauchen eine grundlegende Neuausrichtung des Naturschutzes: mehr große, vernetzte Lebensräume, konsequenter Flächenschutz, umfassende Renaturierung und bessere Forschung. […] Während der Klimawandel ein globales Phänomen ist, das sich angesichts des Zwei-Grad-Ziels und der Klimaneutralität wirksam nur international angehen lässt, können und müssen wir die Biodiversität unmittelbar lokal, regional und national erhalten, indem wir jeweils vor Ort sehr viel mehr zu ihrem Schutz beitragen“, so Glaubrecht.
Diese Aussage ist Wasser auf die Mühlen der „Arbeitsgruppe Natur und Landschaft“ des Bürgervereins Walddörfer, die sich schon seit Jahren ehrenamtlich für den lokalen Biotopverbund rund um das Ahrensburg-Stellmoor-Meiendorfer- Tunneltal engagiert. Dieser durch Moore, Wälder und Offenland geprägte Lebensraum ist ein Paradebeispiel dafür, unter welchem Druck Naturschutzgebiete heute stehen:
Aktuell ist das zum Netzwerk NATURA 2000 gehörende Tunneltal wegen der Ausbauplanung für die S-Bahnlinie 4 zwischen Hamburg und Bad Oldesloe stark gefährdet. Denn die Bahn will nicht nur neue Gleisanlagen und breitere Bahndämme bauen, sondern auch zwei große Brückenbauwerke sowie eine durchgehende, bis zu sechs Meter hohe Lärmschutzwand. Für viele Arten bedeutet das ein unüberwindbares Hindernis und damit eine weitere Einschränkung ihres Biotops. Diese Zerschneidung wird die ökologische Stabilität des Tunneltals langfristig schädigen. Und das womöglich unnötigerweise, denn eine von der „Bürgerinitiative an der Bahnstrecke Hamburg–Lübeck e. V.“ beauftragte Studie zeigt mit dem Konzept „S4neo“ eine alternative Lösung: Die Autoren bevorzugen darin eine Kombination aus S-Bahn und Regional-Express-Zügen mit Umsteigemöglichkeit in Rahlstedt; bei geringerem Bauaufwand ließen sich damit die Vorteile beider Fahrzeugtypen optimal nutzen. Neben Vorteilen wie erheblichen Kosteneinsparungen, kürzeren Fahrzeiten und einer anwohnerfreundlichen Trassenführung spricht vor allem eines für diesen Plan: die Schonung des Naturschutzgebietes Tunneltal. Bislang zeigten sich die zuständigen Instanzen für eine ernsthafte Überprüfung dieser Alternative noch nicht offen.
Für Matthias Glaubrecht jedoch gehört der Flächenschutz zu den wichtigsten Schritten, die uns aus der aktuellen Biodiversitätskrise führen können: „Entscheidend ist, das Bewusstsein der Menschen dafür zu schärfen, warum der Artenschutz für jeden von uns so wichtig ist – und dass wir alle dafür die Verantwortung tragen.“ In seiner jüngsten Publikation „Das stille Sterben der Natur“ liefert der renommierte Wissenschaftler dazu die Fakten.
Text: Dietrich Raeck, Volksdorf