BIG fordert Kurswechsel
Der Umweltverband BIG Fluglärm Hamburg zieht nach 100 Tagen rot-grünem Senat in Hamburg eine verheerende Bilanz: Hamburg erlebt beim Fluglärmschutz nicht nur Stillstand, sondern einen offenen Rückschritt. Die zuständigen Behörden haben ihre Schutzaufgaben faktisch niedergelegt. Während die SPD in eisernem Schweigen verharrt, verlieren sich die Grünen in endlosen „Sachverhaltsprüfungen“ – ein zynischer Ersatz für politisches Handeln.
Statt die eskalierenden nächtlichen Verspätungen zu stoppen, hat der Senat das über Jahrzehnte gewachsene Kontroll- und Sanktionssystem gezielt zerschlagen: Das Tätigkeitsprofil der Fluglärmschutzbeauftragten wurde entkernt, die relevanten Haushaltskennzahlen der Umweltbehörde gestrichen. Kontrollen finden nicht mehr statt, Sanktionen gibt es nicht mehr – der Flugverkehr nach 23 Uhr ist faktisch völlig entfesselt.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Von Januar bis Juli 2025 gab es 431 verspätete Nachtflüge (23–24 Uhr) – rund 7 Prozent mehr als im Referenzzeitraum 2019 (403). Im Juli 2025 allein waren es 123 verspätete Flüge, gegenüber 82 im Juli 2019. Damit sind nach nur sieben Monaten bereits 64 Prozent des gesamten Jahreswerts 2019 (678) erreicht. Hinzu kommen 20 Starts und Landungen nach Mitternacht (0–6 Uhr) – im gesamten Referenzjahr 2019 waren es 25. Ein klares Alarmsignal, das im Senat niemand hören will. Besonders brisant: Diese Zunahme verspäteter Flüge erfolgt, obwohl die Verkehrsleistung am Hamburger Flughafen noch immer deutlich unter dem Vorkrisenniveau liegt. Von Januar bis Mai 2025 betrug die Auslastung im Passagierverkehr lediglich 76 Prozent – weniger Verkehr, aber mehr nächtliche Verspätungen.
Die seit Jahren eskalierende Zahl an Flügen nach 23 Uhr belegt, dass die bestehende Verspätungsregelung nicht den Schutz der Bevölkerung vor nächtlichem Fluglärm gewährleistet, sondern diesen systematisch unterläuft. „Wir sehen hier eine bewusste Täuschung von Betroffenen und Öffentlichkeit – mit einer Regelung, die nie dem Schutz der Menschen, sondern von Beginn an allein der Ermöglichung von Flugbewegungen in der gesetzlichen Nachtruhe diente“, kritisiert Martin Mosel, Vorsitzender der BIG Fluglärm Hamburg.
Wer die Augen vor dieser Entwicklung verschließt und weiter untätig bleibt, nimmt die gesundheitlichen Folgen billigend in Kauf. Nächtlicher Fluglärm ist kein Randproblem, sondern ein medizinisch nachgewiesenes Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und vorzeitigen Tod – belegt im WHO-Kompendium Guidance on environmental noise (2024) und bestätigt durch das jüngste Gutachten der Europäischen Umweltagentur (EEA). Wer das ignoriert, entscheidet sich bewusst gegen die Gesundheit der Menschen in Hamburg und der Region.
Auch die völlig zerfallene sogenannte „Allianz für den Fluglärmschutz“ ist nicht mehr als eine Bühne für politisches Nichtstun: kein Anspruch, keine Ergebnisse, kein Schutz – nur ein Schaufenster für wohlfeile Absichtserklärungen ohne jede Wirkung für die Betroffenen. Die wenigen verbliebenen Initiativenvertreter werden dabei als bloßes Feigenblatt missbraucht, um Untätigkeit zu kaschieren, Verantwortung abzuwälzen und Beteiligung vorzutäuschen.
„Hamburg steht beim Fluglärmschutz vor einer glasklaren Wahl“, so Mosel. „Wir befinden uns längst in einer rechtlichen Auseinandersetzung, um verbindliche Standards zu sichern und zu stärken. Doch statt den Schutz auszubauen, wirft der Senat bereits Erreichtes über Bord. Vernünftige Lösungen im Verhandlungsweg wären möglich – wir haben sie mehrfach angeboten. Der Senat muss endlich an einen Tisch kommen, um gemeinsam tragfähige Regelungen zu finden und den Schutz der Menschen wieder ins Zentrum seines Handelns zu rücken. Der seit 2014 eingeschlagene Weg mit seinen Punkteplänen darf nicht aus blindem Starrsinn verlassen werden.“
Pressemitteilung Umweltverband BIG Fluglärm