Kreuzfahrt & Luftverkehr: Wachstum mit doppelter Belastung

Emissionen, Lärm und Verkehr – BIG fordert ehrliche Bewertung
­Der Umweltverband BIG Fluglärm Hamburg widerspricht der Darstellung des Senats, wonach Kreuzfahrt und Luftverkehr in Hamburg strukturell miteinander verbunden seien und sich gegenseitig verstärkten. Die aktuelle Senatskommunikation nutzt den wirtschaftlichen Erfolg der Kreuzfahrtbranche, um den Luftverkehr politisch aufzuwerten – eine Verbindung, die durch die vorliegenden Daten nur eingeschränkt gedeckt ist.

„Hier wird ein Zusammenhang konstruiert, der so nicht existiert. Die Kreuzfahrt wächst – der Luftverkehr sucht nach Anschluss. Beides wird politisch zusammengebunden, um Wachstum zu legitimieren“, erklärt Martin Mosel, Vorsitzender des Umweltverbands BIG Fluglärm in Hamburg.

Gleichzeitig blendet das gemeinsame Narrativ einen zentralen Punkt aus: Beide Sektoren sind mit erheblichen Umwelt- und Gesundheitsfolgen verbunden. Die Kreuzfahrt steht zunehmend in der Kritik wegen hoher Emissionen und zusätzlicher Verkehrsbelastungen in sensiblen Stadträumen. Der Luftverkehr bleibt eine der zentralen Quellen für Lärm, gesundheitliche Risiken und klimaschädliche Emissionen.

„Wenn zwei Systeme miteinander verknüpft werden, die beide erhebliche Umweltfolgen haben, dann entsteht kein nachhaltiges Modell – sondern eine Kumulation von Belastungen“, so Mosel weiter.

Zwar verweist der Senat unter Bezug auf Aussagen des Flughafens auf dessen Rolle für internationale Kreuzfahrtgäste. Die empirische Grundlage zeigt jedoch ein anderes Bild: Laut aktueller Passagierbefragung reisen lediglich rund 6 Prozent der Kreuzfahrtpassagiere per Flugzeug an, während die Mehrheit mit Pkw (rund 51 Prozent) oder Bahn (rund 37 Prozent) nach Hamburg kommt. Die funktionale Abhängigkeit zwischen Kreuzfahrt und Luftverkehr ist damit deutlich geringer, als politisch dargestellt wird.

Noch deutlicher wird der Bruch bei der Entwicklung beider Sektoren: Während die Kreuzfahrtbranche ihre Wertschöpfung seit 2018 um rund 73 Prozent gesteigert hat und dynamisch wächst, liegt der Luftverkehr auch Jahre nach der Pandemie weiterhin spürbar unter dem Vorkrisenniveau und befindet sich in einer Phase struktureller Anpassung. Von einem gemeinsamen Wachstumspfad kann daher keine Rede sein.

Auch ökonomisch handelt es sich um unterschiedliche Systeme. Die aktuelle Wertschöpfungsstudie zeigt, dass über 60 Prozent der wirtschaftlichen Effekte der Kreuzfahrt durch die Ausgaben der Reedereien selbst entstehen, während Passagiere und touristische Nachfrage eine deutlich geringere Rolle spielen. Der Luftverkehr hingegen basiert wesentlich auf Mobilität und nachfragegetriebenen Effekten. Die behauptete Parallelität ist damit kein wirtschaftlicher Befund, sondern eine politische Konstruktion.

Der Umweltverband fordert daher eine differenzierte und ehrliche Bewertung:

-Die wirtschaftliche Bedeutung der Kreuzfahrt darf nicht isoliert von ihren Umweltwirkungen betrachtet werden
-Die Verbindung von Kreuzfahrt und Luftverkehr darf nicht als pauschale Legitimation für weiteres Wachstum dienen
-Umwelt- und Gesundheitsschutz müssen zum zentralen Maßstab politischer Entscheidungen werden

„Wirtschaftliche Erzählungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Fluglärm Menschen krank macht – und dass auch der innerstädtische Kreuzfahrttourismus mit zusätzlichen Emissionen, Verkehrsströmen und Belastungen für sensible Stadträume verbunden ist. Wer ernsthaft über nachhaltige Stadtentwicklung spricht und Klimaneutralität anstrebt, muss diese Zusammenhänge offenlegen – und darf sie nicht rhetorisch überblenden“, resümiert Mosel.

Pressemitteilung Umweltverband BIG Flugkärm


und hier dazu die Pressemitteilung des Senats:

Kreuzfahrtwirtschaft sorgt für Milliardenumsatz und wachsende Wertschöpfung in Hamburg

Die Kreuzfahrtbranche erwirtschaftet in Hamburg jährlich einen Umsatz von rund 1,7 Mrd. Euro und trägt mit mehr als 727 Mio. Euro p. a. zur Hamburger Bruttowertschöpfung bei (Basis 2024). Dies ist das Ergebnis einer Studie zur wirtschaftlichen Bedeutung der Kreuzschifffahrt für die Region Hamburg, die im Rahmen des 4. Kreuzfahrtgipfels auf Einladung von Senatorin Dr. Melanie Leonhard vorgestellt wurde.

Im Vergleich zur Vorgängerstudie aus 2022 (Zahlenbasis 2018) ist die Bruttowertschöpfung nominal um ca. 73 Prozent gestiegen. Damit wuchs der Wertschöpfungsbeitrag des Kreuzfahrtsektors in diesem Zeitraum doppelt so schnell wie die Wirtschaftsleistung Hamburgs insgesamt.

Dr. Melanie Leonhard, Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Innovation: „Die Ergebnisse der aktuellen Wertschöpfungsstudie unterstreichen eindrucksvoll die wachsende Bedeutung der Kreuzschifffahrt für Wirtschaft, Tourismus und Beschäftigung in der Region. Gemeinsam mit vielen Unternehmen und Partnern ist es gelungen, Hamburg zu einem der führenden Kreuzfahrtstandorte in Europa weiterzuentwickeln; dazu gehört auch die flächendeckende Bereitstellung von Landstrom aus grünem Strom an unseren Kreuzfahrtterminals“.

Die Studie wurde durch das Wirtschaftscluster Hamburg Cruise Net e. V. und die Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Innovation in Auftrag gegeben und heute am Hamburg Airport vorgestellt. Die Gutachter der Universität Hamburg und der ARC Econ GmbH haben im Rahmen einer Input-Output-Analyse ermittelt, dass fast zwei Drittel der Wertschöpfung den regionalen Ausgaben der in Hamburg tätigen Reedereien zuzurechnen sind. Daneben tragen die Ausgaben von Passagieren und Crewmitgliedern, weitere Erlöse von Hamburger Unternehmen im Kreuzfahrtcluster sowie Effekte von kreuzfahrtaffinen Messen und Veranstaltungen zur Wertschöpfung bei. Über die Arbeitsplätze in den Reedereien hinaus ist die Branche für ca. 7.240 zusätzliche Vollzeitstellen in Hamburg verantwortlich.

„Jeder Hamburger Kreuzfahrtanlauf führt umgerechnet zu einer Wertschöpfung von etwa 2,7 Mio. Euro. Davon profitieren nicht nur der Hafen und die maritime Wirtschaft, sondern zahlreiche weitere Branchen und Dienstleister rund um Tourismus, Handel, IT und Logistik“, so Christine Beine, Geschäftsführerin des Netzwerks Hamburg Cruise Net e. V.. Im Vergleich mit anderen Standorten wie Barcelona oder Marseille sei die Verbindung in die regionalen Unternehmen deutlich stärker ausgeprägt.

Hamburger Passagiere tragen mit durchschnittlich knapp 126 Euro pro Person zur Wertschöpfung bei. Gäste, die ihre Reise in Hamburg beginnen und beenden, geben durchschnittlich ca. 133,60 Euro pro Person aus und nutzen touristische, kulturelle und shoppingbezogene Angebote. Etwa 38 Prozent dieser Gäste verbringen mindestens eine Nacht vor der Reise in Hamburg. Dies ist das Ergebnis einer Passagierbefragung, deren Ergebnisse in die Studie eingegangen sind.

Christian Kunsch, Geschäftsführer des Hamburger Flughafens und Gastgeber des heutigen Austauschs: „Ich freue mich sehr über die enge Zusammenarbeit von Kreuzfahrt und Luftfahrt, die insbesondere für die weitere internationale Positionierung Hamburgs von großer Bedeutung ist. Eine Vielzahl der internationalen Kreuzfahrtgäste, die in Hamburg an Bord gehen, reisen mit dem Flugzeug an. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Airport, Schiff und allen beteiligten Partnern ist dafür unerlässlich.“ Die regionalwirtschaftliche Bedeutung des Flughafens (HWWI 2025) sei darüber hinaus mit den dargestellten Zahlen zur Kreuzfahrt vergleichbar.

Die Anzahl der Hamburger Kreuzfahrtpassagiere stieg 2025 auf ein Allzeithoch von 1,4 Mio. Passagiere; 2026 werden 331 Hochsee- sowie 47 Flusskreuzfahrtschiffe und acht Erstanläufe erwartet. Ab 2026 ist bereits vier Jahre vor Inkrafttreten der EU-Vorgabe eine flächendeckende Landstromversorgung an allen Hamburger Kreuzfahrtterminals gewährleistet; 2025 haben bereits 71 Prozent der landstromfähigen Schiffe in Hamburg Landstrom bezogen.

Pressemitteilung Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Innovation

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