Kritik am fragwürdigen Ausbau der S4

Gemeinsame Erklärung der Hamburger Naturschutzvereine
Die Förderung des öffentlichen Nahverkehrs in und um Hamburg wird von allen unterzeichnenden Verbänden grundsätzlich unterstützt. Eine spürbare Verbesserung des ÖPNV wird sich sicher durch den Ausbau der S4 bis Rahlstedt ergeben. Allerdings muss der Ausbau der S 4 bis Ahrensburg im Kontext der Fehmarnbeltquerung gesehen werden.

Prognostiziert werden täglich zusätzlich rund 85 Güterzüge mit erheblichen negativen Auswirkungen auf Mensch und Natur. Einerseits durch nächtlichen Lärm, andererseits durch zusätzliche Gleise, damit sich der schienengebundene Verkehr Richtung Skandinavien nicht mit dem des ÖPNV im Übergangsgebiet zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein (Ahrensburg) ins Gehege kommt.

Die Baumaßnahmen betreffen neben ökologisch wertvollen Bereichen ebenfalls international bedeutende archäologische Fundstätten eiszeitlicher Rentierjägerkulturen von vor 12.000 bis 14.700 Jahren, die im Projektgebiet in ungewöhnlich großer Menge und Qualität zu finden sind. Im direkten Umfeld der geplanten Bahntrasse wurden am Bahnübergang „Grüner Jäger“ die ältesten Pfeile der Menschheitsgeschichte entdeckt. Fachleute vermuten bis zu 25.000 weitere Einzelfunde im Projektgebiet. Deswegen hat das Ahrensburger Tunneltal das Potential einer UNESCO Weltkulturerbestätte, vergleichsweise wie die Wikingersiedlung Haitabu.

Das Ahrensburger Tunneltal ist seit 1982 Bestandteil des 339 Hektar großen Naturschutzgebiets „Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal“. Zusammen mit dem Stellmoorer Tunneltal auf Hamburger Stadtgebiet und dem ehemaligen Truppenübungsplatz Höltigbaum bildet es eine geologische Einheit und einen zusammenhängenden Schutzgebietskomplex von über 1.000 Hektar Fläche. Die besondere geologische Formgebung, geprägt durch die letzten Eiszeiten, hat hier ein wertvolles Mosaik verschiedenster Lebensräume geschaffen. Feuchtwiesen, Hochmoorreste, Magerrasen oder Bruchwälder grenzen hier unmittelbar aneinander und bieten so sehr unterschiedlichen Tier- und Pflanzengesellschaften einen Lebensraum. Besonders dem Vorkommen des streng geschützten Kammmolches ist es zu verdanken, dass das Stellmoorer-Ahrensburger Tunneltal seit 2010 Bestandteil des FFH-Gebiets geworden ist und somit den höchsten Schutzstatus auf EU-Ebene genießt. Trotzdem sind in diesem ökologisch hochwertigen Raum die menschengemachten Einflüsse groß. Denn abgesehen vom Ausbau der Bahn fallen in das Gebiet auch noch laufende Ausbauplanungen zu neuen Stromtrassen.

Insofern sorgt sich die Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Hamburg um die absehbaren, erheblich negativen Auswirkungen der Verbreiterung des Bahnkörpers auf das Doppelte auf die beiden NSG und FFH-Gebiete Stellmoorer-Ahrensburger Tunneltal, durch die die Planungsabschnitte 2 und 3 verlaufen. Angesichts der massiven Trennwirkung durch die neuen Bauwerke und die Überbauung archäologisch und ökologisch bedeutsamer Flächen ist von erheblichen Beeinträchtigungen der Gebiete in ihren für die Erhaltungsziele oder den Schutzzweck maßgeblichen Bestandteilen (§ 34 Bundesnaturschutzgesetz) auszugehen. Es bedürfte damit einer Ausnahmeregelung.

Daher muss geklärt werden, ob eine Ausnahme von den Verboten erteilt werden kann (FFH-Ausnahmeregelung gem. § 34 BNatSchG Abs. 3-5). Dabei spielt eine besondere Rolle, ob die Maßnahme aus Gründen des überwiegenden öffentlich Interesses zwingend notwendig ist. Ist dieses zwingende öffentliche Interesse für den Weiterbau der S4 über Rahlstedt hinaus in der geplanten Form wirklich gegeben und oder kann das Ziel auch ohne den ökologisch wie kulturell fragwürdigen Ausbau von Rahlstedt bis Ahrensburg erreicht werden?

Ein Gutachten der TU Braunschweig im Auftrag der Stadt Lübeck hat daran erhebliche Zweifel geweckt. Durch die höhengleichen Schienen-Kreuzungen in Ahrensburg, Bargteheide und Bad Oldesloe sind Verspätungen im Betrieb zu erwarten. Diese Verspätungen würden sich bis zum jetzt schon überlasteten Hamburger Hauptbahnhof auswirken und zusätzliche Schwierigkeiten nach sich ziehen. Dies hätte negative Folgen für die Fahrgäste und betrifft damit auch das öffentliche Interesse. Das Gutachten zeigt weiterhin auf, dass Alternativen zur Entlastung der Güterverkehrsstrecke über Büchen /Lüneburg und Lübeck/Bad Kleinen nicht geprüft worden sind, wie dies im Planfeststellungsverfahren hätte erfolgen müssen, da die Zunahme des Güterverkehrs auf der Vogelfluglinie die eigentliche Ursache für den viergleisigen Ausbau ist. Dieser Aspekt wird aber im Planfeststellungsverfahren zur S4 gänzlich ausgeblendet. Hierzu sollten dringend Klarstellungen erfolgen, ehe sich die Planung weiter verfestigt.

Wenn der „letzte“ (=2.) Abschnitt auf HH-Gebiet bis zur hamburgischen Landesgrenze mit 4-gleisigem Ausbau planfestgestellt sein wird, wird damit das Ergebnis des noch gar nicht eröffneten Planfeststellungsverfahrens im Abschnitt bis Ahrensburg insofern vorweggenommen sein, als dass auch im Anschluss die Viergleisigkeit hergestellt werden muss, um die Hälfte der Gleise nicht blind enden zu lassen. Von einem „ergebnisoffenem“ Verfahren könnte dann keine Rede sein. Dass das rechtlich zulässig ist, ist zu bezweifeln. Die unterzeichnenden Verbände empfehlen daher dringend, den viergleisigen Ausbau der S4-Strecke in Rahlstedt enden zu lassen.

In der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Hamburg haben sich nach dem Naturschutzgesetz anerkannte Hamburger Naturschutzverbände zusammengeschlossen, um gemeinsam und effektiver das Recht wahrzunehmen, zu bestimmten Planungen und Zulassungsverfahren, die in Natur und Landschaft eingreifen, Stellung zu nehmen. Folgende acht Naturschutzverbände gehören ihr z.Z. an: Botanischer Verein zu Hamburg e.V., BUND, Lv. Hamburg e.V., Landesjagd- und Naturschutzverband Hamburg e.V. – Landesjägerschaft -, NABU Hamburg, Naturschutzverband GöP – Gesellschaft für ökologische Planung – e.V., Naturwacht Hamburg e.V., Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW), Lv. Hamburg e.V., Verein Jordsand zum Schutze der Seevögel und der Natur e.V.. Weitere Informationen zur AG Naturschutz: http://agnaturschutz-hamburg.de/

Pressemitteilung NABU Hamburg

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