Unsere Natur ist unter Druck und Zugvögel sind davon besonders betroffen. Das zeigt die jüngste Ausgabe des alle vier Jahre erscheinenden BirdLife-Reports zur weltweiten Lage der Vogelwelt, der am Freitag in Nairobi vorgestellt wurde. Laut „State of the World‘s Birds“ gehen die Bestände von 45 Prozent aller Zugvogelarten zurück, jede neunte Art ist sogar vom Aussterben bedroht.
In Kenias Hauptstadt beraten derzeit Naturschutzorganisationen aus 120 Staaten, die im weltweiten Dachverband BirdLife International zusammengeschlossen sind. „Die Lage ist besorgniserregend, aber es gibt Hoffnung“, betont Vera Brust vom deutschen BirdLife-Partner NABU. „Die Gefährdungsursachen sind in vielen Fällen nämlich bekannt, das hilft bei der Entwicklung von Schutzmaßnahmen.“
Die meisten großen Vogelzugkorridore verlaufen in Nord-Süd-Richtung. Deutschland ist dabei sowohl Ausgangspunkt des herbstlichen Vogelzugs nach Süden wie auch Transitland und Überwinterungsgebiet für Vögel, die den Sommer in nordischen Ländern verbringen. „Zugvögel überwinden Ländergrenzen und Kontinente. Mauersegler, Nachtigall und Kuckuck sind Kosmopoliten“, so Brust. „Ihr Schutz muss daher grenzüberschreitend ansetzen, in den Brutgebieten, auf dem Zugweg samt den Rastplätzen und im Winterquartier.“
Der Vogelreport zeigt, dass Meeres- und Küstenvögel in besonders hohem Maß gefährdet sind. Lösungsansätze entwickelt unter anderem das Michael-Otto-Institut im NABU (MOIN) im schleswig-holsteinischen Bergenhusen. So entstand aus der Erforschung des hochbedrohten Seeregenpfeifers ein „Nationales Artenhilfsprogramm Strandbrüter“. Mit staatlicher Förderung und zahlreichen Partnern sollen Rast- und Mauserplätze im Wattenmeer gezielt geschützt werden. Auch die Überwinterungsgebiete im Senegal sind einbezogen. Ein weiteres vom MOIN koordiniertes Projekt erforscht den Rückgang der Zwergschwanbestände. Die Art brütet in der Arktis und überwintert zu einem großen Teil in den deutschen Küstenbundesländern.
Als wichtige Bedrohungen für die weltweit mehr als 2200 Zugvogelarten nennt der Report die Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft, Flächenfraß durch Siedlungen und natürlich den Klimawandel. Um gegenzusteuern, muss vor allem die Landnutzung angepasst werden, vorhandene Flächen müssen geschützt und Natur wiederhergestellt werden. Das ist nicht zum Nulltarif zu haben, doch von einer intakten Natur hängt unmittelbar das menschliche Wohl ab. An der Tagung in Nairobi nehmen daher auch Geldgeber wie die Weltbank teil.
Zusatzinformationen:
Neben der Verschlechterung der Lebensräume greift der Mensch auch unmittelbar in die Bestände ein. Illegaler Jagd und Vogelfang fallen in Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika jährlich bis zu 40 Millionen Vögel zum Opfer. Vergiftungen durch bleihaltige Munitionsreste töten in Europa jährlich rund eine Million Wasservögel, weitere drei Millionen erleiden Gesundheitsschäden.
Seevögel sind besonders gefährdet, jede dritte wandernde Art ist vom Aussterben bedroht. Vögel verenden an Plastikabfällen, die sie mit Nahrung verwechseln, mehr als eine Million Seevögel sterben als Beifang in Fischernetzen. Dazu kommt die zunehmende Überfischung der Meere.
„State of the World’s Birds“ hebt die Vogelschutzrichtlinie und die FFH-Richtlinie der EU als beispielhafte Gesetze hervor. Besonders erwähnt wird das EU-Finanzprogramm LIFE, weil es zielgerichtet in Naturschutz investiert. Die EU-Kommission scheint diesen Wert zu verkennen, sie will das Instrument 2028 abschaffen. Mehr Infos unter www.NABU.de/LIFE2028plus.
In Deutschland brüten 304 Vogelarten, die Hälfte davon sind Zugvögel. Ebenfalls rund 300 Vogelarten rasten oder überwintern in Deutschland. Die deutschen Brutvögel erreichen 150 bis 200 Millionen Individuen – ohne Nachwuchs –, die Rast- und Wintergäste werden auf 500 Millionen Köpfe geschätzt.
Bei der Wahl zum „Vogel des Jahres 2027“ stellen Zugvogelarten mit Kranich, Mehlschwalbe und Trauerschnäpper drei der fünf Kandidaten. Abgestimmt werden kann noch bis 15. Oktober unter www.vogeldesjahres.de.
Der Vogelzug ist bereits im Gang, er setzt sich bis in den Herbst hinein fort. Wer gemeinsam und unter Anleitung Zugvögel beobachtet möchte, kann das am 3./4. Oktober beim bundesweiten Birdwatch-Wochenende tun. Infos und Veranstaltungsübersicht unter www.birdwatch.de.
Pressemitteilung NABU