Ostsee: Jahrelange Überfischung

Greenpeace Stellungnahme zum Beschluss der EU-Fischfangquoten in der Ostsee
Heute (24.10.) haben sich die EU-Fischereimister:innen auf neue Fischfangquoten in der Ostsee für das Jahr 2024 geeinigt. Danach sollen im kommenden Jahr weiterhin Ausnahmen für den Fang vom stark überfischten westlichen Hering gelten. Greenpeace-Meeresexpertin Franziska Saalmann fordert stärkere Maßnahmen für die Erholung der Ostsee.

 

“Der heutige Beschluss ignoriert erneut Empfehlungen von Wissenschaftler:innen des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES), der EU-Kommission und von Umweltschutzorganisationen. Der katastrophale Zustand der Ostsee und ihrer Fischpopulationen ist Ergebnis dieser jahrelangen Versäumnisse.

Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) hätte den Vorschlag der Kommission, das Fangverbot für Heringe der westlichen Ostsee auf Fischereifahrzeuge unter 12 Meter Länge auszuweiten, unterstützen sollen. Die jahrelange Überfischung durch Industrieflotten mit ihren riesigen Trawlern hat dort eine umweltverträgliche Fischerei unmöglich gemacht. Politik und Industrie müssen nun gemeinsam neue Perspektiven für ansässige Kleinfischereien schaffen.”

Pressemitteilung Greenpeace


EU-Entscheidung zu Ostsee-Fangquoten: Deutsche Umwelthilfe kritisiert Beschlüsse als unzureichend

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisiert die neuen Fangquoten für die Ostsee als unzureichend. Mit den heutigen Beschlüssen haben es die EU-Fischereiministerinnen und -minister verpasst, der Ostseefischerei einen Weg in die Zukunft zu ebnen. Zwar ist sinnvoll, dass die direkten Fangverbote für die dezimierten Dorsch- und westlichen Heringspopulationen beibehalten wurden. Auch darf die Freizeitfischerei in der westlichen Ostsee, das heißt auch an der deutschen Ostseeküste, keinen Dorsch mehr fangen. Allerdings basieren die Entscheidungen des EU-Rats nicht konsequent auf einem ökosystembasierten Fischereimanagement. Insbesondere die Fangquote für Sprotten ist viel zu hoch und birgt die Gefahr, dass große Heringe als Beifang in den Netzen dieser Fischerei landen. Auch die Schollenquote müsste noch niedriger sein, um Beifang von Dorsch zu reduzieren.

Zudem hätte der EU-Rat die direkte Heringsfischerei im Bottnischen Meerbusen in Finnland und in der zentralen Ostsee schließen müssen. Die DUH ist entsetzt, dass die EU-Fischereiminister ihren eigenen Mehrjahresplan für die Ostseefischerei missachten und diese stark überfischten Populationen entgegen jeder Vernunft weiter befischt werden. Die DUH fordert neben ökosystembasierten Fangquoten ein sofortiges Verbot von Grundschleppnetzfischerei in Schutzgebieten, zusätzliche Schongebiete und eine Ausweitung der Schonzeiten.

Dazu DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner: „Das bisherige Fischereimanagement der EU ist gescheitert. Die Ostsee zeigt auf besonders erschreckende Art und Weise, wohin chronische Überfischung und Missmanagement führen. Viele Fischpopulationen sind nur noch ein Bruchteil dessen, was sie einmal waren. Der Zustand von Hering und Dorsch, den einstigen „Brotfischen“ der deutschen Ostseefischerei, ist anhaltend katastrophal. Die EU hat Jahr für Jahr zu viele Fangquoten oberhalb der wissenschaftlichen Empfehlungen festgesetzt, jetzt gibt es die Quittung – und ein Umdenken ist trotzdem nicht in Sicht.“

DUH-Meeresteamleiterin Katja Hockun führt weiter aus: „Es bedarf jetzt einer konsequenten Anwendung eines ökosystembasierten Fischereimanagements für die Ostsee, das auf die langfristige Erholung der Populationen abzielt, anstatt auf kurzfristige Profite. Die EU muss das Ökosystem Ostsee mit seinen Wechselwirkungen als Ganzes im Blick behalten, anstatt nur auf die einzelnen Populationen zu schauen und diese weiter zu überfischen. Denn neben dem zu hohen Fischereidruck, machen den Fischen auch die steigenden Wassertemperaturen und der Sauerstoffmangel zu schaffen. Wenn wir die Ostseefischerei wirklich erhalten wollen, brauchen wir einen besseren Schutz für unsere Ostseefische. Denn ohne Fische keine Fischerei.“

Ökosystembasiertes Fischereimanagement bedeutet, anstelle von Einzel-Arten-Management, die Wechselbeziehungen zwischen den unterschiedlichen Arten im Nahrungsnetz zu berücksichtigen. Fangquoten müssen auch vorsorglich niedriger als die wissenschaftlich berechneten Höchstwerte festgelegt werden, um Unsicherheiten bezüglich der Populationsgrößen und Veränderungen im Ökosystem zu berücksichtigen.

In einem im Mai 2023 veröffentlichten Rechtsgutachten hat die DUH bereits gezeigt, dass Grundschleppnetzfischerei in Meeresschutzgebieten im Küstenmeer der Ostsee rechtswidrig sind und juristisch dagegen vorgegangen werden kann.

Hintergrund:

Schon letztes Jahr wurden der gezielte Fang vom Dorsch in der östlichen und westlichen Ostsee sowie vom Hering in der westlichen Ostsee nicht zugelassen. Außerdem wurde erstmals die Quote für die Schollen-Fischerei niedriger angesetzt als die wissenschaftlich berechneten Höchstwerte, da diese Fischerei mit erheblichem Dorschbeifang einhergeht. Dies wurde von der DUH als kleiner Erfolg bewertet, da erstmals Prinzipen des ökosystembasierten Fischereimanagements ansatzweise angewandt wurden. Allerdings waren die Beifangquoten für Dorsch und westlichen Hering noch immer zu hoch, und auch die Quoten für Sprotte und Hering in der zentralen Ostsee wurden deutlich höher angesetzt als die wissenschaftlichen Empfehlungen.

Pressemitteilung Deutsche Umwelthilfe


Ostsee-Fangquoten ohne Fische – Schutz dringend erforderlich
BUND kritisiert EU-Beschlüsse: Fehler der Vergangenheit wiederholen sich

Die heute (24.10.) von den EU-Fischereiminister*innen beschlossenen Ostsee-Fangquoten für das kommende Jahr sind nicht vertretbar. Für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) steht die Entscheidung im klaren Widerspruch zum dramatischen Zustand der Fischpopulationen und zu geltendem europäischen Recht.

BUND-Vorsitzender Olaf Bandt: „Die Fangquoten für den zentralen und bottnischen Hering sind ein Fehler. Damit ignorieren die Fischereiminster*innen nicht nur den desaströsen Zustand der Populationen, sondern auch ihre eigenen Gesetze. Die gemeinsame Fischereipolitik und den Ostsee-Mehrjahresplan gibt es, damit in kritischen Fällen wie diesem Schutzmaßnahmen greifen und Fischpopulationen nicht weiter heruntergewirtschaftet werden. Es ist tragisch: Anstatt die kritischen Populationen zu schützen, werden die Fehler der Vergangenheit wiederholt.“

Aktuell sind fünf von zehn Fischpopulationen in der Ostsee zusammengebrochen. Sie sind unter den wissenschaftlich und rechtlich festgelegten Grenzwert gefallen, zu dem sie noch abgefischt werden dürfen. Die EU-Kommission hatte in Übereinstimmung mit dem Ostsee-Mehrjahresplan einen Fangstopp für diese fünf Populationen empfohlen. Die Fischereimister*innen entschieden, dass östlicher Dorsch sowie Hering und Dorsch der westlichen Ostsee weiter nur als Beifang ins Netz gehen dürfen. Zentraler und bottnischer Hering dürfen dagegen weiter gezielt gefischt werden.

Fangquoten müssen Klima- und Biodiversitätskrise berücksichtigen

Bandt: „International, auf EU-Ebene und in Deutschland werden aktuell viele Ziele zum Schutz der Natur, der Artenvielfalt und des Klimas beschlossen. Die Fischereiminister*innen stehen nicht außerhalb dieser Verpflichtungen. Die Fangquoten und das gesamte Fischereimanagement müssen einen Beitrag zu diesen Zielen leisten, anstatt sie zunichtezumachen. Die Fischerei muss endlich zum Bestandteil eines ganzheitlichen Ökosystemansatzes werden.“

Die EU-Entscheidung über Fangquoten geht weit über die direkten Auswirkungen auf die befischte Population hinaus. Das betrifft insbesondere auch den Klimaschutz: Intakte marine Ökosysteme puffern die Auswirkungen der Klimakrise ab, indem sie auf natürliche Weise Kohlstoff binden und speichern. Vor allem Sedimente am Meeresboden haben ein enormes Speicherpotenzial. Zerstörerische Fangmethoden, wie die Grundschleppnetzfischerei, gefährden diese natürlichen Kohlenstoff-Senken.

Bandt: „Die Fischpopulationen in der Ostsee brauchen eine echte Pause, um eine Chance auf Erholung und Anpassung an die sich rapide ändernden Umweltbedingungen zu haben. Bis sie sich erholt haben, müssen alle gemeinsam an einen sozialökologischen Strukturwandel der Fischerei arbeiten. Eine Stilllegung der konventionellen und industriellen Ostsee-Fischerei ist notwendig, denn die wenigen Fische, die noch gefangen werden können, müssen den Fischer*innen vorbehalten sein, die bereits engagiert daran arbeiten, ihre Arbeit nachhaltig und umweltschonend zu gestalten. Die Zukunft gehört der Fischerei mit kreativen Ideen zur Diversifizierung und zur regionalen Wertschöpfung an der Küste.“

Pressemitteilung BUND

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